Das Dorf ohne Häuser

Gegenüberstellung zweier Fotos von 2025 und 2025 - auf dem ersten ist eine Straße eines Dorfes zu sehen. Auf dem zweiten die gleiche Stelle des Ortes nur dass alle Häuser fehlen.

Vor 10 Jahren besuchte ich im Rahmen eines Wikipedia-Projekts einige Dörfer in der Lausitz, die für den Braunkohletagebau weggebaggert werden sollten. Letzte Woche erfuhr ich, dass der Ort Miłoraz/Mühlrose nun offiziell als Gemeindeteil gelöscht wurde. Mühlrose ist nach langer Unsicherheit das letzte Dorf in der Lausitz und möglicherweise auch in ganz Deutschland, das für die Braunkohle komplett abgebaggert wird.

Ortseingang von Mühlrose mit einem Protestschild für die Umsiedelung aber auch einem gelben Kreuz für die Erhaltung des Ortes
Foto von 2018 vom Ortseingang Mühlrose. Neben dem Protestschild für die Umsiedelung ist auf der rechten Seite das gelbe Kreuz als Protestsymbol gegen die Tagebauerweiterung und die Umsiedelung.
Foto: René Mettke CC BY-SA

Da das Dorf vom Tagebau Nochten geradezu umzingelt wurde hat ein Großteil der Bevölkerung des Ortes für ein Umsiedlung gekämpft. 2006 stimmten 87% der Einwohnerinnen für eine Umsiedlung. Doch dann zog sich Vattenfall aus der Braunkohle zurück und verkaufte das Geschäft an die tscheschische EPH Gruppe. Die Zukunft des Dorfes war wieder unklar. Diese dauerhafte Unsicherheit und ständig unklare Zukunft des eigenen Wohnorts muss die Hölle sein. Diese ist jetzt jedenfalls vorbei.

Karte mit den Verschiedenen Abbaugebieten und Renaturieren Flächen, die zeigt, dass Mühlrose vom Tagebau fast eingeschlossen ist
Übersichtskarte über die verschiedenen Abbaugebiete des Tagebau Nochten und der Lage des Ortes Mühlrose
Datenquellen: GeoSN, KuLaDig, Planungsverbandes Oberlausitz-Niederschlesien, OpenStreetMap

Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass wir diesen Ort vor 10 Jahren besuchten und fotografierten, und auch daran, dass ich mich ärgerte von den eingeebneten Dorfteilen von Rowno/Rohne kaum Fotos gemacht zu haben. Die Bilder von Hecken, die eine leere Fläche einzäunten und Wege, die im nichts enden, haben sich zwar in mein Hirn eingebrannt. – Aber ich habe keinerlei Fotos davon.

Eine Straße daneben ein Fußweg. Es sind keinerlei Gebäude zu sehen nur ein paar Schilder am Straßenrand

Deswegen verspürte ich das Verlangen noch mal nach Mühlrose zu fahren, um dort ähnliche Bilder zu sehen und diese diesmal auch fotografisch festzuhalten. Bis wir vor Ort waren war uns tatsächlich unklar, ob wir überhaupt noch bis zum Ort kommen würden. – Denn die Straßen wurden schon am 1. Januar an den Tagebaubetreiber umgewidmet, der Ort am 4. September gelöscht, der Friedhof Mitte September fertig umgebettet und der letzte Bewohner hat Mitte des Jahres sein Haus an die LEAG übergeben. – Es gibt also quasi keine Notwenigkeit mehr den Zugang zum Ort offen zu halten.

Ein Stromhäuschen steht zwischen ein paar Bäumen am Straßenrand
Das letzte Gebäude von Mühlrose

Wir hatten aber Glück und konnten noch in das ehemalige Dorf hinein. Hätten wir nicht gewusst wo genau der Ort war, hätten wir ihn leicht übersehen können. Bis auf ein Trafohäuschen standen keinerlei Gebäude mehr. In der Mitte des Ortes ragt noch eine Sirene auf einem Mast in die Höhe.

Auf einer Wiese steht ein großer Mast mit einer Feuerwehrsigeren oben drauf
Etwa an dieser Stelle stand früher das »Gasthaus zur Erholung« mit einer Feuerwehrsirene auf dem Dach

Gehwege begleiten die gut asphaltierten Dorfstraßen und an einigen Stellen stehen noch ein paar Stromkästen oder Hydranten.

Eine kleine Straßenkreuzung mit Fußwegen, Rindstein und einem Stromkasten am Straßenrand.

Die ehemaligen Grundstücksgrenzen lassen sich gut an den Hecken oder Baumreihen erkennen, die in ihrer geraden Anordnung in der Landschaft nun schon fast fehlplatziert wirken.

drei ecken stehen im rechten Winkel zueinander auf einer Wiese neben einer Straße

drei ecken stehen im rechten Winkel zueinander auf einer Wiese neben einer Straße
Diese Hecken schützten einst das Gebäude Kindergartenweg 8 vor neugierigen Blicken.

Blick entlang eines Weges mit Bäumen und im Hintergrund Hecken auf einer wiese

Und da wo keine Hecken sind, stehen Betreten-Verboten-Schilder, die entlang der Grundstücksgrenzen aufgestellt wurden, sobald die LEAG ein Gebäude übernommen hatte. Die Gebäude wurden übrigens so schnell wie möglich abgerissen, sobald sie an die LEAG übergeben wurden, um Besetzungen oder Vandalismus zu verhindern.

Blick entlang einer Straße. Am Rand steht ein Schild 'Privatgrundstück - Betreten Verboten'.
Kindergartenweg Richtung Nordosten

Ein Blick quer durch das Dorf, und an allen möglichen Stellen stehen diese Schilder.
Verbotsschilder entlang der Grundstücke auf der Dorfstraße und dem Kindergartenweg

Ein schild steht am Straßenrand, direkt neben einer Stelle die anders gepflastert ist, son dass eine Einfahrt zu einem Hof erahnbar ist.
Hofzufahrt Schulweg 39

Immer wieder weisen die gepflasterten Einfahrten darauf hin, dass hier doch einmal Häuser und Höfe standen.

Eine gepflasterte Einfahrt führt auf eine leere Wiese
Zufahrt zum ehemaligen Gemeindeamt Mühlrose, Kindergartenweg 20

Eine gepflasterte Einfahrt führt von einer Straße auf eine leere Wiese
Zufahrt zum Hof Dorfstraße 43

An einigen Stellen sind sogar noch Spuren von schwerem Gerät im Boden zu sehen, die erahnen lassen, dass der Abriss der Gebäude gar nicht so lang zurück liegt.

Blick von der Straße auf eine plane Fläche ohne bewuchs. Eingegrenzt von Baumreihen und Hecken. Auf dem Boden noch Spuren von Fahrzeugen.
An dieser Stelle stand der Hof Nochtener Weg 33. Dies war das letzte Haus des Ortes, wie auch im Titelbild dieses Artikels gut zu sehen ist.

Eine weitere kahle und ebene Fläche mit Spurenabdrücken von Traktorreifen.
Hier stand der Hof Dorfstraße 34. Die Baumreihen im Hintergrund müssten zum Hof Nochtener Weg 77 gehören.

Blick über den Ort mit merheren solcher Stellen

Noch etwas mehr zu sehen gibt es am Kindergartenweg. Auf dem unten zu sehenden Podest stand ein Weltkriegsdenkmal, welches mittlerweile nach Neu-Mühlrose umgesetzt wurde.

Ein etwas höher gelegter Bereich in einer art Verkehrsinsel


Ein Stück weiter auf der Dorfstraße findet man noch ein paar Poller, die um einen Baum gestellt sind. Direkt daneben befand sich ein Denkmalgeschützter Bauernhof mit historischer Schrotholzscheune. Von diesem Hof habe ich 2015 einige Fotos gemacht. Auf diesem Foto kann man auch die Poller noch erkennen.

Ein Baum um den Poller stehen. Dahinter eine Wiese mit mehreren Baumreihen
Blick in Richtung des Denkmalgeschützen Hofes Dorfstraße 37

Ein Baum um den Poller stehen. Daneben ein geflasterter aber schon leicht überwachsener Platz. Dahinter ein Weg und eine Baumreihe. Daußerdem ist die Sirene zu sehen.
Blick in Richtung »Gasthof zur Erholung«

Ein paar Meter weiter sind noch die Grundmauern des Bushäuschen des Ortes zu sehen.

Blick entlang einer Dorfstraße mit Kopfsteinpflaster. Es stehen keine Häuser nur noch der Umriss eine Bushäuschens

360° Aufnahme ehemaligen Schwimmbad Mühlrose. Grafik kann per Drag&Drop bewegt werden.

Außerdem hatte Mühlrose ein Schwimmbad. Auch davon ist nichts mehr übrig – selbst das Becken wurde zugeschüttet. Mit ein bisschen Kartenarbeit haben wir dieses aber auch gefunden und neben ein paar PVC-Rohren im Boden bemerkten wir, dass die Wiese auf einer rechteckigen Fläche deutlich grüner war als in der ganzen Umgebung. Auf der 360° Aufnahme oben ist dies ganz gut zu erkennen. Wir vermuten, dass dies die Umrisse des verschütteten Beckens sind – die Position stimmt auch mit den Luftbildern überein.

Eine wiese die mit Bäumen umsäumt ist. Unten links im Bild ist der rase grüner

Wer sehen will, wie das Dorf mal aussah, kann sich die Bilder auf Google Streetview und Apple Lookaround ansehen. Mit diesem Viewer kann man sich die Apple Aufnahmen einfach im Browser ganz ohne Apple Gerät ansehen. Beide Dienste haben eine unterschiedliche Abdeckung des Ortes und die Erfassungen wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt. So habe ich bei den Aufnahmen von Apple vom September 2020 noch keine abgerissenen Häuser oder offensichtlichen Leerstellen gefunden, bei den Aufnahmen vom Google von 2022 fehlen schon einige Gebäude1. Auch diese 360° Drohnenaufnahme des Ortes finde ich beeindruckend. Auf Wikimedia Commons gibt es auch noch ein paar Drohnenaufnahmen von 2019.


  1. Das doofe ist, dass ich diese Bilder auf Google Maps nur verlinken kann. Ich kann mir vorstellen, dass diese irgendwann nicht mehr verfügbar sind, wenn Google die Karten aktualisiert. – In Deutschland hat Google ja auch die ganz alten Streetviewbilder Aufgrund von irgend einem kruden Deal mit den Datenschutzbehörden unzugänglich gemacht (In anderen Ländern kann man auf historische Aufnahmen zugreifen.). Es wäre deswegen praktisch, wenn jemand die Streetview und Lookaround Fotos archivieren und ins Internet Archive hochladen könnte. Streetlevel wäre eine Library mit der man auf solche Bilder zugreifen kann. 

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