Vor 10 Jahren besuchte ich im Rahmen eines Wikipedia-Projekts einige Dörfer in der Lausitz, die für den Braunkohletagebau weggebaggert werden sollten. Letzte Woche erfuhr ich, dass der Ort Miłoraz/Mühlrose nun offiziell als Gemeindeteil gelöscht wurde. Mühlrose ist nach langer Unsicherheit das letzte Dorf in der Lausitz und möglicherweise auch in ganz Deutschland, das für die Braunkohle komplett abgebaggert wird.
Da das Dorf vom Tagebau Nochten geradezu umzingelt wurde hat ein Großteil der Bevölkerung des Ortes für ein Umsiedlung gekämpft. 2006 stimmten 87% der Einwohnerinnen für eine Umsiedlung. Doch dann zog sich Vattenfall aus der Braunkohle zurück und verkaufte das Geschäft an die tscheschische EPH Gruppe. Die Zukunft des Dorfes war wieder unklar. Diese dauerhafte Unsicherheit und ständig unklare Zukunft des eigenen Wohnorts muss die Hölle sein. Diese ist jetzt jedenfalls vorbei.
Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass wir diesen Ort vor 10 Jahren besuchten und fotografierten, und auch daran, dass ich mich ärgerte von den eingeebneten Dorfteilen von Rowno/Rohne kaum Fotos gemacht zu haben. Die Bilder von Hecken, die eine leere Fläche einzäunten und Wege, die im nichts enden, haben sich zwar in mein Hirn eingebrannt. – Aber ich habe keinerlei Fotos davon.

Deswegen verspürte ich das Verlangen noch mal nach Mühlrose zu fahren, um dort ähnliche Bilder zu sehen und diese diesmal auch fotografisch festzuhalten. Bis wir vor Ort waren war uns tatsächlich unklar, ob wir überhaupt noch bis zum Ort kommen würden. – Denn die Straßen wurden schon am 1. Januar an den Tagebaubetreiber umgewidmet, der Ort am 4. September gelöscht, der Friedhof Mitte September fertig umgebettet und der letzte Bewohner hat Mitte des Jahres sein Haus an die LEAG übergeben. – Es gibt also quasi keine Notwenigkeit mehr den Zugang zum Ort offen zu halten.
Wir hatten aber Glück und konnten noch in das ehemalige Dorf hinein. Hätten wir nicht gewusst wo genau der Ort war, hätten wir ihn leicht übersehen können. Bis auf ein Trafohäuschen standen keinerlei Gebäude mehr. In der Mitte des Ortes ragt noch eine Sirene auf einem Mast in die Höhe.
Gehwege begleiten die gut asphaltierten Dorfstraßen und an einigen Stellen stehen noch ein paar Stromkästen oder Hydranten.

Die ehemaligen Grundstücksgrenzen lassen sich gut an den Hecken oder Baumreihen erkennen, die in ihrer geraden Anordnung in der Landschaft nun schon fast fehlplatziert wirken.
Und da wo keine Hecken sind, stehen Betreten-Verboten-Schilder, die entlang der Grundstücksgrenzen aufgestellt wurden, sobald die LEAG ein Gebäude übernommen hatte. Die Gebäude wurden übrigens so schnell wie möglich abgerissen, sobald sie an die LEAG übergeben wurden, um Besetzungen oder Vandalismus zu verhindern.
Immer wieder weisen die gepflasterten Einfahrten darauf hin, dass hier doch einmal Häuser und Höfe standen.
An einigen Stellen sind sogar noch Spuren von schwerem Gerät im Boden zu sehen, die erahnen lassen, dass der Abriss der Gebäude gar nicht so lang zurück liegt.
Noch etwas mehr zu sehen gibt es am Kindergartenweg. Auf dem unten zu sehenden Podest stand ein Weltkriegsdenkmal, welches mittlerweile nach Neu-Mühlrose umgesetzt wurde.

Ein Stück weiter auf der Dorfstraße findet man noch ein paar Poller, die um einen Baum gestellt sind. Direkt daneben befand sich ein Denkmalgeschützter Bauernhof mit historischer Schrotholzscheune. Von diesem Hof habe ich 2015 einige Fotos gemacht. Auf diesem Foto kann man auch die Poller noch erkennen.
Ein paar Meter weiter sind noch die Grundmauern des Bushäuschen des Ortes zu sehen.
Außerdem hatte Mühlrose ein Schwimmbad. Auch davon ist nichts mehr übrig – selbst das Becken wurde zugeschüttet. Mit ein bisschen Kartenarbeit haben wir dieses aber auch gefunden und neben ein paar PVC-Rohren im Boden bemerkten wir, dass die Wiese auf einer rechteckigen Fläche deutlich grüner war als in der ganzen Umgebung. Auf der 360° Aufnahme oben ist dies ganz gut zu erkennen. Wir vermuten, dass dies die Umrisse des verschütteten Beckens sind – die Position stimmt auch mit den Luftbildern überein.

Wer sehen will, wie das Dorf mal aussah, kann sich die Bilder auf Google Streetview und Apple Lookaround ansehen. Mit diesem Viewer kann man sich die Apple Aufnahmen einfach im Browser ganz ohne Apple Gerät ansehen. Beide Dienste haben eine unterschiedliche Abdeckung des Ortes und die Erfassungen wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt. So habe ich bei den Aufnahmen von Apple vom September 2020 noch keine abgerissenen Häuser oder offensichtlichen Leerstellen gefunden, bei den Aufnahmen vom Google von 2022 fehlen schon einige Gebäude1. Auch diese 360° Drohnenaufnahme des Ortes finde ich beeindruckend. Auf Wikimedia Commons gibt es auch noch ein paar Drohnenaufnahmen von 2019.
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Das doofe ist, dass ich diese Bilder auf Google Maps nur verlinken kann. Ich kann mir vorstellen, dass diese irgendwann nicht mehr verfügbar sind, wenn Google die Karten aktualisiert. – In Deutschland hat Google ja auch die ganz alten Streetviewbilder Aufgrund von irgend einem kruden Deal mit den Datenschutzbehörden unzugänglich gemacht (In anderen Ländern kann man auf historische Aufnahmen zugreifen.). Es wäre deswegen praktisch, wenn jemand die Streetview und Lookaround Fotos archivieren und ins Internet Archive hochladen könnte. Streetlevel wäre eine Library mit der man auf solche Bilder zugreifen kann. ⏶